GOPS – Gesicherte Operationsstelle im Serata

Wenn Erinnerungen plötzlich Raum bekommen

Im Juni 2025 zieht die 94-jährige Myrtha Temperli ins Serata ein. Als ein Lernender sie ein paar Tage später über den Parkplatz in Richtung Garten begleitet, fällt ihr eine Rampe auf, die in den Untergrund führt. In diesem Moment brechen Erinnerungen auf, die lange keinen Platz mehr hatten. Vor über 53 Jahren hatte Myrtha Temperli hier beim Einrichten der Gesicherten Operationsstelle – kurz GOPS – mitgeholfen: einer zweistöckigen, unterirdischen Anlage, einer eigenen kleinen Stadt im Verborgenen. Bis zu diesem Augenblick war diese Lebensphase für sie wie ausgelöscht gewesen.

Frau Temperli erinnert sich.

Myrtha Temperli wurde 1931 als Myrtha Grünig geboren und wuchs in Zürich-Unterstrass auf. Schon früh zeigte sich ihr Sinn für Ordnung, Verantwortung und Fürsorge. Sie besuchte die obligatorische Schule, absolvierte nach der dritten Sekundarklasse das 10. Schuljahr und wusste danach: «Ich möchte Hauswirtschaftslehrerin werden.»

Da sie für das Haushaltlehrerinnenseminar noch zu jung war, besuchte sie zuerst ein Jahr die Töchterschule und machte dann die Aufnahmeprüfung ans Haushaltungslehrerinnenseminar, wo sie sich zur Haushaltlehrerin ausbilden liess. 1952 schloss sie ihre Ausbildung mit dem Diplom ab.

Gegen den Rockzwang
Schon bald war sie im ganzen Kanton Zürich im Einsatz. Sie übernahm Kleinstpensen an verschiedenen Schulen – von Niederweningen über Winterthur und Schönenberg bis auf dem Hirzel. «Zeitweise hatte ich fünf Zugbillette, um an die Schulen zu gelangen», erzählt sie. «In jener Zeit war ich froh um jede Stunde, die ich unterrichten konnte. Ich hatte keine andere Wahl.» Die Kurse dauerten mitunter bis 23 Uhr. Danach musste sie den letzten Zug erreichen – zu jeder Jahreszeit, bei jedem Wetter. Ihr Gesuch bei der Erziehungsdirektion, statt des vorgeschriebenen Rocks Hosen tragen zu dürfen, wurde gutgeheissen. Eine kleine Erleichterung im Alltag. Und ein stilles Zeichen dafür, wie pragmatisch sie ihren Weg ging. Es war eine Zeit des Unterwegsseins, des Arbeitens, des Durchhaltens.

Zwischen Lohnsäckli und Abendzug
In dieser Phase lernte sie ihren späteren Mann Walter kennen. Er war Rechnungsführer der Gemeinde Oberrieden. Myrtha hatte in Oberrieden unterrichtet und holte ihr Lohnsäckli jeweils auf der Gemeindeverwaltung ab – bei Walter Temperli. Abends musste sie weiter nach Zürich, wo sie einen Abendkurs gab. Auch Walter nahm den Zug in dieselbe Richtung, denn er besuchte das Abendgymnasium. Auf dem Weg zum Bahnhof und auf den Fahrten kamen die beiden ins Gespräch – zunächst beiläufig, dann immer persönlicher. 1956 heiratete das Paar, zog in Oberrieden zusammen und später nach Thalwil. 1958 kam ihr erster von zwei Söhnen zur Welt.

GOPS – Gesicherte Operationsstelle im Serata

Engagement im Zivilschutz
Zu jener Zeit begann auch Myrtha Temperlis Engagement im Zivilschutz. Als versierte Hauswirtschaftslehrerin gab sie unter anderem Nothelferkurse in Gemeinderäumlichkeiten – auch in Thalwil. Es war eine Epoche, in der die Männer noch bis weit über das 50. Altersjahr hinaus militärdienstpflichtig waren. Und danach wurden sie noch für einige Jahre zivildienstpflichtig. Auch Walter Temperli leistete seinen Dienst in der Armee und später im Zivilschutz.

1973 begann der Bau der Gesicherten Operationsstelle, der GOPS, in Thalwil. Im Zusammenhang mit dem damaligen Erweiterungsbau war entschieden worden, unterhalb des Spitals eine gesicherte Operationsstelle zu errichten. Als Zivildienstler half Walter bei der Einrichtung der Anlage. Zur Unterstützung zog er seine Frau bei. So kam es, dass Myrtha Temperli beim Einrichten der GOPS half. 1975 wurde die unterirdische Anlage eröffnet.

1973 begann der Bau der Gesicherten Operationsstelle

GOPS – eine Kleinstadt unter der Erde
Die Gesicherte Operationsstelle war – und ist – weit mehr als ein einzelner Operationsraum. Tief unter der Erde entstand eine zweistöckige Anlage, ausgelegt für den Ernstfall: eine funktionierende Kleinstadt im Verborgenen. Hier kann im Notfall ein Spitalbetrieb aus dem Stand aufgenommen werden.

Zur GOPS gehören zwei Operationssäle, Bettenstationen und Sanitäranlagen. Daneben gibt es eine einfache Küche sowie Schlaf- und Aufenthaltsräume für die Ärzteschaft und das Pflegepersonal. Strom, Wasser, Lüftung und Kommunikation sind eigenständig organisiert. Alles ist so eingerichtet, dass Menschen über längere Zeit unter der Erde arbeiten, versorgen, heilen und leben können. Noch heute ist der Zivilschutz für die Wartung verantwortlich.

GOPS – eine Kleinstadt unter der Erde

Engagement über Thalwil hinaus
Nach der Fertigstellung der GOPS in Thalwil wurde Myrtha Temperli auch in andere Gemeinden entsandt, die gesicherte Operationsstellen aufbauten. Mit ihrer Erfahrung trug sie wesentlich dazu bei, weitere Anlagen im Kanton Zürich einzurichten.

Als die Kinder erwachsen waren, verbrachten Myrtha und Walter Temperli viel Zeit in den Bergen, oft unterwegs mit dem SAC. 2020 trat Walter seine letzte Wanderung an. Myrtha hatte zu jener Zeit grosse gesundheitliche Probleme, konnte aber nach mehreren Operationen nochmals nach Hause zurückkehren und führte dort bis 2025 ein selbstständiges Leben, unterstützt von ihren inzwischen erwachsenen Söhnen mit ihren Familien.

Der Kreis schliesst sich
Heute lebt Myrtha Temperli wieder an einem Ort, der eng mit ihrem gemeinsamen Lebensweg verbunden ist. Die Rampe, die sie bei ihrer Ankunft entdeckte, öffnete – wie sie erzählt – eine lange verschlossene Tür: «Nach mehreren Narkosen waren viele Erinnerungen verschwunden. Beim Eintritt ins Serata sind sie zurückgekehrt.» Für Myrtha Temperli ist die GOPS weit mehr als Beton und Technik. Sie ist Teil ihrer Biografie. Eine Lebensgeschichte, die Dankbarkeit weckt – für eine Frau, die mitgedacht, mitgetragen und Verantwortung übernommen hat.

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In der Jubiläumsschrift des Spitals Thalwil anlässlich des 125-Jahr-Jubiläums wurde 1984 ein Tag der offenen Tür beschrieben: Im selben Jahr öffnete das Spitalregiment 6 im Basisspital Thalwil für einen Tag die Tore zur geschützten Operations- und Sanitätshilfsstelle. Bei der Bevölkerung stiess diese Aktion weit herum auf grosses Interesse. Gegen 700 Personen liessen sich durch die unterirdischen Räume führen, in denen rund 300 Angehörige der Armee, des militärischen Frauenhilfsdienstes und des Rotkreuzdienstes im Einsatz standen. Die Vereinbarungen zwischen Armee, Zivilschutz und Spital Thalwil im Rahmen des koordinierten Sanitätsdienstes sahen vor, dass bei einem allfälligen Katastropheneinsatz die drei Partner in der zweigeschossigen, kombinierten Anlage eng zusammenarbeiteten.

Zur Jubiläumsschrift

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